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Markus Jehle

SEINE LETZTE REISE

Papst Johannes Paul II. und seine Horoskope

In seinem fast einen Saturnumlauf währenden Pontifikat hat Karol Woityla als Papst mehr als 120 Länder dieser Erde bereist. Am 2. April 2005 um 21:37 MESZ hat er im Alter von 84 Jahren nun seine letzte Reise angetreten. Transit-Uranus in Fische hatte zu diesem Zeitpunkt exakt einen Umlauf vollendet und war zu seiner Position im Geburtshoroskop von Johannes Paul II. zurückgekehrt. Endlich war er frei, dahin zu reisen, wo er sich schon lange hinsehnte.

UNKLARE GEBURTSZEIT

Zum Horoskop des Papstes kursieren zahlreiche Geburtszeiten, die auf unterschiedlichen Quellen beruhen. Im Internationalen Horoskope Lexikon (IHL) von Taeger ist eine Version mit einer Geburtszeit von 13:00 Osteuropäische Zeit (EET) abgedruckt (siehe Abb. 1), die auf Angaben eines »persönlichen Geburtszeugen« beruhen soll. In der Astrodatabank von Lois Rodden wird die Uhrzeit mit 17:30 EET angegeben (siehe Abb. 2). Der Papst selbst soll in Privataudienzen und gegenüber Kardinalskollegen widersprüchliche Angaben zu seiner Geburtstunde gemacht haben: 17:00 bzw. 18:00.
Obwohl in der Regel persönlichen und biografischen Angaben der Vorzug zu geben ist, haben beide Versionen eine gewisse Plausibilität. Version 1 mit Jungfrau-AC (Abb. 1) scheint mehr den Papst in seiner Funktion als Vertreter der Amtskirche zu symbolisieren, während Version 2 mit Waage-AC den Papst als Sympathieträger und Idolfigur zum Ausdruck bringt.
Welches der beiden Horoskope nun das richtige ist, daran werden sich die Geister auch nach dem Tod des Papstes weiter scheiden. Berücksichtigt man die Einstellung der Amtskirche zur Astrologie, so ist nicht ohne weiteres davon auszugehen, dass ein Papst großen Wert darauf legt, die »richtige« Version seines Geburtshoroskops in Umlauf zu bringen. Von daher könnte Horoskop 1 den Papst zeigen, wie er wirklich war, während Horoskop 2 (siehe S. 56) die von ihm gewählte und gewünschte Inszenierung, gleichsam sein von ihm projiziertes Idealbild verkörpert.
Beide Horoskopversionen unterscheiden sich hauptsächlich durch verschiedene Aszendenten (Jungfrau- bzw. Waage-AC) und Hausstellungen der Planeten sowie eine unterschiedliche Zeichenstellung des Mondes (Stier- bzw. Zwillinge-Mond).

JUNGFRAU-AC: DIENER GOTTES

In der IHL-Version (Abb. 1) finden wir den Papst als »Diener Gottes« im Jungfrau-AC wider, dessen Herrscher Merkur sich zusammen mit Venus, Sonne und Mond in Stier im 9. Haus befindet. Sein primärer Auftrag wäre somit das Bewahren (Stier) des Glaubens (9. Haus). Zur Erfüllung dieses Auftrags unternimmt der Papst zahlreiche Auslandsreisen (ebenfalls 9. Haus). Er ist zudem der erste nichtitalienische (»ausländische«) Papst nach mehr als 430 Jahren. Mit Merkur als Herrscher von 10 in 9 erfolgt die Verwirklichung der eigenen Berufung im Ausland bzw. durch Glaubens- und Weltanschauungsfragen.
Sein Zwillinge-MC befindet sich zudem im Quadrat zur Saturn/Uranus-Opposition und würde damit auf eine berufliche und gesellschaftliche Verwirklichung im Spannungsfeld zwischen Tradition (Saturn) und Fortschritt (Uranus) verweisen. So wollte der Papst beides zugleich: Bewahren (Saturn) und Erneuern (Uranus) - eine nur schwer zu bewältigende innere und äußere Zerreißprobe (Quadrat). Beide Planeten stehen zudem im Quadrat zum IC: insgesamt acht seiner Reisen führten den Papst in sein Heimatland Polen, dem er zeitlebens loyal verbunden blieb (Saturn), gleichzeitig half er aus der Fremde seinem Heimatland, sich vom Kommunismus zu befreien (Uranus).
Der Schütze-IC würde auf die religiöse Verwurzelung des Papstes in seiner Heimat hinweisen, die ihm mit Jupiter als Herrscher von 4 in 12 in Konjunktion zu Neptun als Quelle für eine tiefe Sehnsucht nach einer transzendenten Spiritualität dient. Der Mond nahe am MC könnte bereits die Beliebtheit beim Volk andeuten, die durch den gelungenen Spagat von tiefer Spiritualität einerseits (12. Haus) und dem Führen einer Amtskirche (9. Haus) andererseits noch gesteigert wurde. Zudem könnte Johannes Paul II. mit AC-Herrscher Merkur in Stier in 9 seine Botschaften glaubwürdig verkörpern.

WEITERE ARGUMENTE

Für einen Jungfrau-AC könnten auch zahlreiche körperlichen Leiden und Krankheiten des Papstes sprechen, u.a. die Bauchverletzungen beim Attentat am 13. Mai 1981 sowie eine Darmkrebs-Operation 1996 (Jungfrau - Verdauung). Saturn, aus dem 12. Haus kommend, in Konjunktion zum AC wäre ein Hinweis auf die zähe physische Konstitution des Papstes und seinen langen, ausdauernden Kampf gegen seine körperlichen Gebrechen. In seiner 12. Haus-Facette würde Saturn die »graue Eminenz« im Hintergrund anzeigen, bei Johannes Paul II. verkörpert durch Kardinal Ratzinger, der ihm half, die Amtskirche auf konservativem Kurs zu halten (u.a. Abtreibungs- und Verhütungsverbot).
Fische-Uranus, aus dem 6. Haus kommend, in Konjunktion zum Fische-DC wäre ein Kennzeichen für das Bedürfnis nach freien, unkonventionellen Begegnungen und Beziehungen. Es ist schon sehr ungewöhnlich, wem der Papst alles eine Audienz gewährte. Auch seine Reisen führten ihn zu selbst bestimmten und eigenwilligen Begegnungen, etwa mit Fidel Castro in Kuba 1998. Begegnungen mit Uranus am DC gestalten sich allerdings meist kurz und flüchtig, was dazu passen würde, dass der Papst »der eilige Vater« genannt wurde, da keine seiner Reisen lange dauerte und er nirgends länger verweilen wollte.

KINDER, KÜCHE, KIRCHE

Mit dem rückläufigen Mars in Waage fiele dem Papst der mit dem Zölibat verbundene Triebverzicht gewiss leicht. So konnte er Mars zur Verteidigung des eigenen Reviers (2. Haus) nutzen, das er mit seinen Stier-Planeten im 9. Haus vor allem in Form von Glaubensüberzeugungen zeitlebens in Beschlag genommen hat.
Mit seiner Stier-Venus am absteigenden Mondknoten im 9. Haus hatte der Papst für Frauen nur eine traditionelle Rollenzuweisung übrig (»Seid fruchtbar und mehret euch«). Ein zeitgemäßes Frauenbild passte nicht in seine persönliche Weltanschauung (9. Haus), weshalb er dem Frauenpriestertum eine klare Absage erteilte und dadurch den Bruch mit der anglikanischen Kirche weiter vertiefte. Das Quadrat von Jupiter und Neptun auf die Venus ließ für den Papst das Weibliche in einem besonderen, »heiligen« und entgrenzten Licht erscheinen: Basis des von ihm mit Inbrunst reaktivierten Marienkultes der katholischen Kirche.

FRUCHTBARER GLAUBEN

Zum Auftrag von Sonne, Mond, Merkur und Venus im 9. Haus würde passen, Glaubensfragen fruchtbar werden zu lassen, und sich durch Hegen und Pflegen zum Wachsen zu bringen (Stier). Johannes Paul II. stärkte während seiner Amtszeit die katholische Amtskirche in den Ländern Afrikas sowie Latein- und Südamerikas, sodass die Zahl der Gläubigen trotz der Abwanderungen in Europa und anderswo um ca. 250.000 Gläubige auf mehr als eine Milliarde anwuchs.
Zu dieser Konstellation würde auch passen, dass der Papst den Dialog mit den Weltreligionen suchte, den er in seinen letzten Amtsjahren mit Transit-Saturn durch sein 9. und 10. Haus zunehmend vertiefte (u.a. Gebete für den Weltfrieden in Assisi 2002). Er war zudem der erste Papst der Weltgeschichte, der eine Synagoge und eine Moschee betrat.

FRIEDENSPAPST ODER POPSTAR?

In der von Lois Rodden übermittelten Version des Papst-Horoskopes (Abb. 2) fällt der starke »Friedensauftrag« ins Auge. Waage-AC mit Waage-Mars nahe am Aszendenten zeigen den Friedenskämpfer, der von AC-Herrscherin Venus im 7. Haus in den »liebenden« Kontakt zum Mitmenschen geführt wird. Mit einem solchen Horoskop würde der Papst vor allem eines wollen: Frieden stiften, geliebt werden und Sympathien wecken. Zusammen mit Merkur im 7. Haus wäre diese Venus ein erster Hinweis auf die Beliebtheit von Johannes Paul II.
Die bereits erwähnte Entgrenzungssehnsucht der Jupiter/Neptun-Konjunktion steht in diesem Horoskop im 10. Haus nahe dem Löwe-MC. Eine Konstellation, aus der auch Popstars gestrickt sind und durch die sich die große Beliebtheit des Papstes vor allem bei der Jugend zusätzlich gut erklären ließe. Hier hätten wir einen Papst, der sich der Öffentlichkeit als religiöse Retter- und Erlöserfigur (Jupiter/Neptun) präsentiert, eine Rolle, mit der er sich zugleich persönlich identifiziert (Jupiter/Neptun und MC in Löwe).
Zudem würde diese Jupiter/Neptun-Konjunktion die vom Papst gelebte Spiritualität zum Lebensauftrag, zur inneren und äußeren Berufung machen, die er mit Saturn kurz vor der 11. Hausspitze als »Leitwolf« der Kirche verwirklichen könnte.
Die Sonne als MC-Herrscher im 8. Haus wäre ein Hinweis auf die Gefahren und Krisen, denen der Papst bei der Verwirklichung seine Berufung immer wieder ausgesetzt war. Und war es nicht sein öffentliches Leiden, was ihm zusätzlich großen Erfolg bescherte (Sonne als MC-Herrscher in 8)? Zwillinge-Mond, ebenfalls im 8. Haus, steht in diesem Horoskop zudem im Quadrat zur Saturn-Uranus-Konjunktion - ein zusätzlicher Hinweis auf mögliche Attentate und seelischen Schmerz.

MACHT UND GLAUBE

Pluto im 9. Haus würde auf ein enormes Transformationspotenzial in Glaubensangelegenheiten hinweisen, verbunden mit der Verlockung, Macht in Weltanschauungsfragen auszuüben und anderen die eigenen Überzeugungen aufzuzwingen. Hier würde der »Menschenfischer«-Auftrag der Jupiter-Neptun-Konjunktion im 10. Haus zum missionarischen Zwang, andere zu bekehren bzw. auf den eigenen Kurs einzuschwören. Pluto in 9 würde zusammen mit der erwähnten Saturn/Uranus-Problematik das dogmatische Verhalten und den Absolutheitsanspruch des Papstes erklären, was letztendlich seinen Versuch zum Scheitern brachte, tragfähige Brücken zur anglikanischen und orthodoxen Kirche zu schlagen.
Bezogen auf Europa geriet die katholische Kirche unter seinem Pontifikat in eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise und nicht nur die deutschen Bischöfe hatten unter der Macht Roms zu leiden. Kardinal Ratzinger (Abb. 3) wäre in diesem Horoskop dann nicht die graue Eminenz im Hintergrund, sondern eher der »Wadenbeißer« hinter den Kulissen (rückläufiger Waage-Mars in 12). Ratzingers Sonne fiele zudem auf den DC in dieser Version des Papsthoroskopes und seine Venus auf die Sonne des Papstes - eigentlich ein Aspekt, der eher einer Liebesbeziehung entspräche.
(ERRATA: Der Uranus in Ratzingers Horoskop war durch einen Grafik-Fehler von seiner Position Anfang Widder fälschlich an den MC gerutscht. Wir haben die nebenstehende Grafik korrigiert, die gedruckte Version konnte allerdings nicht mehr geändert werden. Wir werden den Fehler in der nächsten Ausgabe korrigieren).

DER PAPST UND DER VATIKAN

Interessant und aufschlussreich sind die astrologischen Bezüge zwischen den Papsthoroskopen und dem Vatikan (Abb. 4). Hier spricht einiges für Version 1 des Papsthoroskops. Sein Saturn steht am Jungfrau-AC sowohl im eigenen als auch im Vatikanhoroskop und seine Sonne/Mond-Konjunktion fällt exakt auf den Vatikan-Jupiter am MC: Johannes Paul II. verschafft dem Vatikan Respekt und Anerkennung und kann sich voll und ganz mit dessen Auftrag und Anliegen identifizieren. Er gibt der Institution Halt und Sicherheit und erhält umgekehrt durch den Vatikan die notwendige Unterstützung zur Verwirklichung seiner persönlichen Lebensaufgabe.
Version 2 des Papsthoroskops weist keinerlei Achsenbezüge mit dem Vatikan-Horoskop auf.

WICHTIGE LEBENSEREIGNISSE

Wichtige Lebensereignisse und die damit einhergehenden Transitkonstellationen können oftmals Anhaltspunkte zur Verifikation von Geburtshoroskopen, insbesondere der Achsenstellungen liefern. Dies wird im folgenden näher untersucht:
Als Karol Woityla zum Papst ernannt wurde, stand die Transit-Sonne exakt in Konjunktion zu seinem rückläufigen Waage-Mars im Radix, der sich bei Version 2 im 12. Haus befindet (die Wahl fand heimlich statt). Transit-Saturn jedoch befand sich in Horoskop 1 exakt in Konjunktion zum Jungfrau-Aszendenten (sich Respekt und Anerkennung verschaffen) und zeigt damit den Beginn einer neuen Lebensphase an.
Transit-Uranus bewegte sich von der Opposition zur Venus auf die Opposition zu Merkur zu, der in Horoskop 1 zudem AC-Herrscher ist (Befreiung der Grundanlage; Auftrag zu Dienen). Transit-Mars stand zudem exakt in Opposition zu Merkur, den mit der Wahl verbundenen Befreiungsschlag symbolisierend.
Zum Zeitpunkt des Attentats durch Mehmed Ali Acga befand sich Transit-Uranus fast gradgenau in Opposition zu Radix-Sonne und Radix-Mond von Horoskop 1 (seelische und persönliche Erschütterung; Verlust der Urvertrauens; Identitätswechsel) .
Transit-Pluto befand sich in fast minutengenauer Konjunktion zum rückläufigen Waage-Mars, der sich bei Version 1 als Herrscher des 8. Hauses im 2. Haus befindet und bei Version 2 im 12. Haus (heimliche Feinde) steht.
Für eine ausführliche Geburtszeitkorrektur fehlt hier leider der Platz und die Zeit (der Beitrag wurde kurz vor Drucklegung verfasst), dennoch scheinen die Transite der beiden wichtigen Lebensereignisse eher die Version 1 des Papst-Horoskops zu bestätigen.

ABSCHLIESSENDER HINWEIS

Nicht selten werden religiöse Würdenträger zum Zeitpunkt einer Sonnenfinsternis geboren. Auch Johannes Paul II. erblickte nur wenige Stunden nach einer Sonnenfinsternis das Licht der Welt - und er wurde am 8. April 2005 nur wenige Stunden vor einer Sonnenfinsternis zu Grabe getragen. Wohin ihn seine letzte Reise führen wird, steht in keinem seiner Horoskope und ist letztlich eine Glaubensfrage. Doch nach Vollendung eines kompletten Uranus-Umlaufs war Karol Woityla wohl frei genug, um zu sagen: »Es ist vollbracht.«

 

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Last Updated: 09.4.2005
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